MARY WICHT


"die HILFE AUS DEM LICHT

die letzte rettung für diese erdenmenschen!"


Und also geschah es, daß im Willen Gottvaters beschlossen war, einen Teil aus Seiner Kraft hinabzusenden in die Nachschöpfung, zur Sammlung von Erfahrung, und zur Hilfe für die wankende, strauchelnde Menschheit, die nahe war zu stürzen.
Und es löste sich der Heilige Geist und ward sichtbar über dem Heiligen Grale in Gestalt einer weißleuchtenden Taube. Dann senkte Er sich hinab zur Erde.
Trübnis und Dunkelheit aber lastete schon auf der Erde. Es hatte sich in den großen Zeiträumen der Erdentwickelung die Menschheit immer mehr verschlechtert. Nur wenige lichte Stellen leuchteten noch auf ihr, die reiner Boden gewesen wären, Gottesstrahlen zu empfangen.
Nebel zogen über die Erde, doch die Strahlen der Sonne brachen sich Bahn und beschienen manch herrlichen Flecken. Steile Felsenklüfte dehnten sich in unermessener Öde. Sie waren anzusehen wie eine gewaltige Trutzburg. Über ihnen blieb die lichte Taube einen Augenblick schwebend stehen, dann nahm sie ihren Weg weiter nach Persien.
In ungeheurer Höhe, kaum jemals einem Menschenauge erreichbar, dehnte sich an dessen Grenze das sonnige, blühende Reich der Ismanen!
Reinheit und Friede breiteten ihr strahlendes Licht über diese Stätte, ein Licht, das nicht von dieser Erde war. Der Fürst der Ismanen wandelte in seinem Garten, der in prangender, duftender Fülle sein prächtiges Schloß umgab.
Weiß war sein langes Kleid und völlig schlicht; Haar und Bart flossen in reicher weicher Fülle herab und umrahmten das schmale, braune Antlitz, dessen junge Augen wie zwei strahlende gütige Sonnen weise und milde, aber kraftvoll leuchteten.
Is-ma-el, der Fürst der Ismanen, der ihnen Führer und Lehrer, Priester und Herrscher zugleich war, erhob sein Angesicht zum tiefblau leuchtenden Himmel und ein Strahl des Lichtes verklärte sein Gesicht. Er hatte das Nahen der Heiligen Taube empfunden und neigte seinen Geist, um der Stimme seines Inneren zu lauschen.
Sein Antlitz erhielt einen überirdischen Ausdruck und seine Augen schauten verklärt.
»Ja, Herr!« flüsterte er, »ja!«
Dann wandte er sich schnell seiner Behausung zu. In seinem Gemach, das von der üppigen Schönheit kunstreich verarbeiteten Edelgesteins und Goldes erstrahlte, legte er die Schuhe ab und lagerte sich erwartungsvoll auf ein weißes Fell.
Das Haupt in die Hände gestützt, sah er gespannt in eine Schale aus reinstem Jaspis, auf deren Grunde ein wunderbar geschliffener Stern ruhte. Nicht lange währte es, dann begann die Schale leise zu klingen. Es nahte ein lichtes Weben, ein Duft von Rosen und Lilien, und ein zarter schleierfeiner Glanz, von einer blauweißblitzenden Sternenkrone überstrahlt. Goldenlichte Augen sahen aus der Flut der Schleier, die sich vor Is-ma-els geblendetem Geistesauge bildeten, damit er diese Lichteskraft ertragen konnte, und eine Stimme drang durch seinen Geist, tief in sein Herz:
»Höre, Is-ma-el, Fürst der Ismanen! Ich rufe Dich zu treuem Dienst!
Gehe hin an die Stätte, da die weiße Taube Dir erscheint. Nimm Deinen Stab und Dein Pferd und folge Deinem Führer. Einen Knaben sollst Du finden, der soll Abd-ru- shin, das ist »Sohn des Heiligen Geistes«, heißen. Ein Kind von einem Jahre. Er ist Parzival, mein Sohn! Hüte ihn vor der Mordlust der Menschen und leite ihn, daß er die Wege des Lebens geebnet finde, wenn seine Zeit kommen ist.
Höre und folge meinen Worten. Sein Vater sendet Dir die Kraft!«
Leise, wie sie entstanden war, schmolz die lichte Gestalt vor den starren Strahlen des irdischen Sonnentages. Unmerklich fast schwebte noch die letzte Erinnerung des Blumenduftes durch den Raum.
Is-ma-el erhob sich. Wie neugeboren fühlte er seinen Körper. Er klatschte in die Hände. Einige seiner höchsten Diener und Freunde kamen daraufhin und hörten mit Staunen seinen Befehl. Is-ma-el rüstete sich zur Reise und sagte nicht, wohin sie ginge, erzählte nichts von ihrem Zweck. Die schweigenden Mienen der Ismanen drückten keine Frage aus. Freudig gehorchten sie seinem Befehl. — (Ismael war derselbe hohe Geist, der später als »Johannes der Täufer« das Erdensein des Gottsohnes Jesus kündete.)
Die Jahre rannen dahin auf Erden. — In der Ewigkeit waren sie gleich dem Bruchteil eines gewaltigen Lichttages. Unermeßlich, irdisch unvergleichbar ist das Erleben in den lichten Höhen. Jeder Wunsch, jede Bitte wirket dort lebendig und löst sich sofort aus. Jedes reine Streben bringt sofort Erfüllung.
Wunderbar, dem Ideenkreise des Menschen auf Erden unerfaßlich ist das Weben dieser lichten Gesetzesfäden, die mit solcher Zuverlässigkeit arbeiten, daß nichts, aber auch nicht das Kleinste verloren gehen kann.
Treu scharten sich die helfenden, dienenden Kräfte um die Reine Lilie, die gleich einer flammenden Säule lodernd an den Stufen des Thrones vor Parzival gekniet hatte.
In der Heiligen Stunde des Mahles war sie es immer, die Reinste der Reinen, die dem König die Heilige Schale tragen durfte. Sie allein war dazu auserkoren. All ihr Leben lag in diesem Dienste und die Kraft Gottes strömte zuerst durch sie, sobald sie die Heilige Schale aus den Händen ihres Königs empfing. Leuchtend verband diesen die Kraft mit dem Urlichte und leuchtend strömte es durch Irmingard.
Seitdem aber der Gotteswille die Stofflichkeit berührt hatte, trug die Reine Lilie heißes Verlangen, ihm dienend auch dahin zu folgen. Und ihre Sehnsucht ward Gebet. Die reine Bitte der Empfindung fand sofort Verwirklichung. Und es begab sich das heilige Mysterium, daß der Lilie ausstrahlende Kraft durch Gottes Güte in einen Menschenkörper gesenkt ward.
Gleich einem Lichtstrom floß sie hinab zur Erde, dem Weg der Heiligen Taube folgend, und weiter, über die Wüsten und Meere strömte die Kraft der Reinheit, unter höchstem Schutz und stärkster Führung, nach dem Lande Ägypten.
Viele liebliche, blumengleiche Wesen scharten sich Engeln gleich um sie. Sie bauten ein Netz von Lichtfäden, in das sie eingesponnen ward zum Schutze vor der Trübnis, die von unten kam. Zwei leuchtende Schildjungfrauen standen ihr zur Seite, und über ihr wehte die Kraft des Heiligen Geistes.
Astarte aber, das liebliche, wesenhafte Abbild der Reinheit, die Hüterin der Ehe und Schützerin aller Erdenfrauentugend, sie flog ihr jubelnd entgegen, frohlockend, daß ihr nun durch höhere Kraft wieder Verbindung würde zu der gefallenen Erdenweiblichkeit. —
So trat Irmingard als Nahome, eine ägyptische Fürstentochter, in die Grobstofflichkeit unter die Erdenmenschen, um Parzival, der ihr vorangegangen war und auf der Erde Abd-ru-shin genannt wurde, zu dienen, wie sie ihm oben diente in der lichten Burg des Heiligen Grales.
Damit verankerte sie unter dem Schutze Abd-ru-shins auf Erden die Reinheit zur Hilfe der Erdenweiblichkeit, die ihre Strahlen nun unmittelbar empfangen konnte, wie auch alle der Erde nahen wesenhaften Helfer, welche daraufhin viel mehr erstarkten und kraftvoller wirken konnten.
Als Parzival den Erdenleib und damit diese Erde dann verließ, um wieder in die Heimat aufzusteigen, löste sich zu gleicher Stunde auch Irmingards Lichtgestalt von ihrer Erdenhülle, welche als Nahome bekannt gewesen war, und sie verband sich, Halt suchend, fest mit dem leuchtenden Strahl, der aus Parzival-Abd-ru-shin noch auf der Erde verankert zurückgeblieben war.
Langsam stieg sie dem verklärten Leibe ihres Königs nach, höher und immer höher, zuletzt ganz in ihm stehend und mit ihm den Erdenbann verlassend, alle Ebenen durcheilend mit der Schnelligkeit des reinsten Lichtes. —
Die Reine Lilie war in das Licht der Heimat wieder eingegangen. Brausend strömte der Ton der hohen, göttlichen Ebene um sie. Es rauschten die Fittiche der Engel, die aus dem Urquell des Lebens schöpfend ihre Schalen neigten und die Heiligen Gärten der Lilie nährten. Parzival aber war als Teil des Heiligen Gotteswillens in den Urquell der Kraft eingegangen und verblieb da eine Zeit. Sein Wille wirkte jedoch immerfort hinaus in alle Schöpfung, und es bereitete sich im Schoße der großen, urewigen Weisheit ein neues Schwingen zum Anfang eines neuen Ringes. —
Es lebte die Rose des Lichtes im Heiligen Gral: Maria! (Ist nicht Maria von Nazareth) Goldenes Licht strömte aus ihr und die kristallenen Tropfen reinsten Wassers sickerten belebend und nährend dauernd aus dem Lichtstrom Gottvaters durch sie. Sie war ewig jung und ewig reif, ewig voll Kraft und ewig spendend, und die Ausstrahlung ihrer Art war Liebe.
Sie war die andere Hälfte der lebendigen Gerechtigkeit aus dem Wesenlosen, war mit ihr eines und von ihr ein Teil. Wo die Gerechtigkeit in Strenge schlagen mußte, da glich die Liebe nach dem Gesetze heilend aus.
Und abermals sollte sich an der Schöpfung eine große Gnade erfüllen, in der Liebe Gottes: Was Parzival als Abd- ru-shin begonnen, das sollte Maria als Kassandra auf Erden vollenden.
Und der Wille des Herrn vollzog sich im Heiligen Gral! Es glühte und wogte die Heilige Schale, in die der Vater Sein Licht strömte durch den Sohn.
Weiß wie Kristall und durchscheinend strahlend wie ein großer Diamant, so thronte auf lichtgoldenem Hochsitze König Parzival. Aus seinem Haupte, das den silbernen Helm mit der Krone trug, leuchtete die Taube. Seine Augen waren klar wie Gold und die Fülle seines Lichthaares reichte bis auf seine Schultern. In den Händen, die durchscheinend waren wie Alabaster, hielt er das Schwert.
Ihm zur Rechten saß Maria in strahlend weißem Gewande. Irmingard aber kam, gefolgt von einer Schar lieblicher Frauen, aus einer Halle zur Linken des großen Saales, über breite, leuchtende Stufen herab.
In ihren erhobenen Händen trug sie die Lichtschale, die sie knieend dem König des Heiligen Grales bot.
Es klang dabei wie Orgelton gewaltiger Glockenchöre. Es pflanzte sich das Klingen in unzählbaren Wellen fort, und immer neue Ströme reinsten Lichtes von oben drängten nach.
Die weiten Säulenhallen waren dicht gefüllt von unabsehbaren Scharen strahlender Geister. In all dem Glanze und dem Klang des Lichtes webte beseligende Anbetung Gottes durch die Heilige Burg.
Und neues, noch verstärktes brausendes Schwingen des goldenen Lichtes flutete heran, das aus dem Gottgeheimnis ausgesendet wurde mit dem Wort des Vaters:
»Also geschehe es!«
Es kam die Gotteshand herab über des Sohnes Haupt und trennte die Liebe von der Gerechtigkeit. Ein Mantel legte sich dabei über Marias Schultern von herrlich leuchtendem, strahlendem Schwarz.
Maria glühte wie das Licht der Heiligen Schale in Irmingards Händen. Von oben floß die Kraft des Vaters und Maria hielt ihre beiden Hände über den Heiligen Gral. Sie betete.
Aufflammend verstärkte sich dabei das Weißlicht ihrer Krone, die einer funkelnden Rosenranke gleicht. Die Urkönigin nahte ihr und hüllte sie noch fester in den Mantel ein, dessen Beschaffenheit erst seine Schutzwirkung in der Kraft der Erfüllungen erhält. Im Sinken in die Stofflichkeit der Schöpfung verändert er sich immer in die jeweilige Art, welche Maria für den Schutz benötigt. Denn die Liebe aus Gerechtigkeit ist so rein, daß sie ohne Umhüllung in der Stofflichkeit im Strom der verdunkelten Welten niemals bestehen könnte. Immer würde sie angeworfen und verdunkelt werden von dem Übel aus Luzifer.
Das Gebet Marias zu dem Herrn steigerte sich zu der höchsten Kraft. Wie heilige Flammenzungen umstanden die seligen Geister ihren König Parzival. Maria betete noch immer, und langsam, auf den Strahlen, die die Reine Lilie im Wollen ihrer Eigenart von Ebene zu Ebene hinabsandte, stieg Maria stufenweise im Gebet hinab zur Erde! —
In jeder Ebene bewirkte sie den starken Zustrom lichter Kraft. Als würden sie mit neuem Leben erfüllt, so empfanden die reinen Geschaffenen den Durchgang der himmlischen Liebe. — —
Zur Zeit dieses Geschehens lebte auf der Erde in der Nähe Trojas ein einsamer Hirt: Perikles. Ihm war die Gabe, mit dem Geiste vieles zu erschauen und zu hören, was den anderen verborgen blieb.
Der Abend senkte sich schon über Troja; stille ward es auf den Weiden. Die Schafe und die Ziegen sammelten sich und keines verfehlte dabei seinen Platz. Sie atmeten leise, als lauschten sie. Die Flöten tönten spärlich nur als Nachtgruß der zerstreuten Hirten. Schon glommen auch die ersten klaren Sterne an dem Abendhimmel auf. Still, feierlich wurde es in der Seele des Perikles.
Ihm war, als zögen aus dem fernen Osten helle Scharen immer näher, über Berge, Flüsse, Wälder, als höre er jubelndes Singen von Stimmen, wie er ähnlich nie etwas vernommen hatte.
Da fühlte er sich plötzlich sanft berührt an seinem Scheitel, wie von kühlen, feinen Fingern, und er blickte auf. Geblendet aber mußte er die Augen schließen. Erst nach bangen Augenblicken konnte er deutlich erkennen, daß vor ihm in einem Strahlenglanze ein schöner Jüngling stand und zu ihm sprach. Aber die Stimme war so groß und so gewaltig, daß er vor ihrem Brausen kaum den Sinn des Gesagten aufnehmen konnte.
»Ich bin ein Bote Gottes«, sprach der Leuchtende. »Ich verkünde Euch ein großes Glück. Gehe Du hin, Perikles, und sage allen, die da glauben wollen: es gehet ein Licht auf über Troja! Wenn Ihr dies Licht erkennet, dann wird es Euch die Fülle des Lebens geben. Wenn Ihr es aber nicht erkennet, so seid Ihr des Todes!«
Perikles war aus Schwäche unter dem gewaltigen Lichtdrucke in die Kniee gesunken. Er zitterte, war bleich und kalt. Die Kraft des verkündenden Engels war zu groß für ihn.
Aber eine Frage entrang sich dennoch seinem Munde:
»Wie sollen wir aber das Licht finden, Herr?«
»Du wirst es schauen in der Stunde seines Kommens. Es wird eine lichte Taube über dem Hause stehen!«
Der Leuchtende hauchte ihn an und verschwand vor seinen Augen in Nichts.
Und es kam großes Bewegen in die Welt. Perikles merkte es. Seine feinen Beobachtungsorgane verschärften sich noch mehr. Er, der dauernd eng mit der Natur Verwachsene, fühlte das Aufleben von Pflanze und Tier. Es war, als ob alle Wesen sich reckten, strafften und emporstrebten in neuem Glanz. Das Flüstern in der Luft verstärkte sich, das Rauschen in den Flüssen und den Quellen kam zu sonderbarer Steigerung.
Wie eine helle, zarte Lichtstraße bildete sich ein Schein vom Himmel bis herab zur Erde Ganz sonderbar geheimnisvoll, ja ehrfurchtsvoll berührte dieser Lichtstrom seine Seele.
Er sprach seinen Genossen frei davon, doch diese starrten himmelan und konnten nichts erkennen. Doch sie sagten zuversichtlich:
»Es wird wohl so sein, wenn Perikles es sagt.«
Er bereitete sie auf das Kommen des großen Lichtes auf Erden vor.
Die Hirten glaubten ihm, aber sie dachten nicht darüber nach. Sie empfanden auch nicht jene starke Freude, die nur dem Geiste gegeben ist, der wach und bereitet ist für Gottes Liebe. Sie warteten zu, was sich ereignen würde. — Ein Raubfuchs, der in die Herde brach, oder ein krankes Schaf vermochte besser ihre ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Perikles fühlte es. Er war nicht davon überrascht und schwieg. Je mehr er aber schwieg, um so stärker fühlte er alle die jenseitigen hohen Kräfte, die sich ihm näherten.
Er blickte hinab auf die schlummernde Stadt, die im leisen Abendnebel war. Es zitterten flammende Fackeln an vereinzelten Häusern und Toren auf — die Vorboten der Nacht. Im Osten war die tiefe Bläue schon einem farblosen Dunkel gewichen, im Westen aber war es noch hell am Himmel und ein roter Streifen säumte das Meer.
Alle Naturwesenheiten waren verschwunden. Ihm aber war, als glühe aus ihm selbst ein heller Schein, ein Licht, wie aus einer Lampe. Er blickte sich um; denn er meinte, es müsse einer seiner Genossen mit einem Licht herangekommen sein. Dem war aber nicht so. Er sammelte seine Gedanken, warf sich nieder; denn das Herz war ihm so übervoll — und betete. Die stille Lösung tat ihm wohl; er war sich klar geworden, daß er auf etwas wartete, auf irgend etwas Großes, das ihn im Geiste machtvoll ergreifen würde. Er gedachte wieder an den Boten Gottes.
Wie hatte er gesagt? »Ich bin der Bote Gottes!« Von welchem Gott hatte er da gesprochen? Als er so stille saß und sann, gelöst und voll Vertrauen, voller Demut, da drang eine Stimme deutlich und klar durch ihn:
»Es ist nur ein Gott! Wir alle dienen Ihm, wir sind nur Auswirkungen Seines Willens.«
Das klang von oben aus den Lüften.
»Wir weben in Seinem Gesetz, aber das Licht, das jetzt zu Dir kommt, das ist aus Ihm.«
Ihm schwindelte; denn alles das war ihm so neu.
Der Himmel hatte sich nächtlich umkleidet, die Sterne glühten wie in regenfeuchten Nächten, wenn ein warmer Wind den Himmel rein geblasen. Milde Schwere lag auf der feucht-duftenden Erde.
Da war es, als käme ein leuchtender Flammenstrom vom Himmel! Nur eine Sekunde war die ganze Gegend in weißes Licht getaucht. Perikles wollte die Augen schließen, doch blieben sie weit auf wie unter einem Zwang.
Und er sah eine blendend weiße Taube über sich, sie trug eine goldene Rose im Schnabel. Ihr Flug war leise gleitend. Sie senkte sich auf das Schloß des Priamus und verschwand.
Der Hirte stand auf, ließ seine Herde und eilte hinab in die Stadt, es dem Könige zu sagen.
Und ein Jubel klang wie Glockenläuten in seiner Seele:
»Es ist nur ein Gott, aber das Licht, das jetzt zu Dir hernieder kommt, das ist aus IHM!«
Und also geschah, daß der Hirte vor Priamus trat und ihm erzählte, was ihm so Wunderbares begegnet war.
Priamus hörte ihn an. In seiner klaren, gütigen Weise ließ er den Mann wohl ausreden. Er selbst war aber zu sehr Mensch des irdisch praktischen Daseins, um die ganze Tiefe dieses Erlebens zu verstehen.
Er wußte: Die Hirten sind ein wunderliches Völkchen, ganz für sich. Er glaubte ihnen wohl, und gerade von Perikles‘ Weisheiten hatte er schon viel Gutes erfahren. Aber schlicht, einfältig und erfüllt von den Sorgen des irdischen Daseins, bekümmerte er sich wenig um jene feinen besinnlichen Vorgänge der Seele.
»Du hast eine Botschaft gebracht, zu der Stunde, da mir ein Mägdlein geboren ward, Perikles. Das Kind mag im besonderen Schutze der Götter stehen. Anderes begreifet nicht das Menschengeschlecht. Wir wollen treulich das Rechte tun, dann dienen wir auch den Göttern. Das Ewige hat Zeit bis nach dem Tode.«
Da brauste es wie ein Sturm auf aus des Hirten Geist:
»Wahre Dich, Priamus! Besinne Dich, achte jedes meiner Worte; denn sie wiegen schwer. Nicht ich habe sie geredet, sondern der Bote Gottes, der kommt nicht um kleiner Dinge des Alltags willen. Denke nicht nur an göttlichen Schutz des Kindes, gedenke auch der drohenden Worte, die seine Kunde begleiteten: »Es geht ein Licht auf über Troja! Wenn Ihr dieses Licht erkennt, dann wird es Euch die Fülle des Lebens geben. Wenn Ihr es aber nicht erkennet, so seid Ihr des Todes!« — Drohend klang des Hirten Stimme.
In diesen Stunden begann ein gewaltiges Menschheitsschicksal schwingend seine Bahn fortzusetzen, aber die Menschen merkten nichts davon.
Perikles fand keine Ruhe. Er wanderte durch die Stadt und zu den Hirten, den Bauern, er verließ seine Herde, um des Wortes des Engels willen. Er näherte sich den Fischern, die sollten seine Kunde ins Meer hinaus auf die Insel tragen. Er besuchte die Kaufleute, die anlegten an Trojas Strand, damit sie über die Meere die Botschaft des Engels trügen.
Aber die Königin Hekuba, die Mutter des Mägdleins, wollte es nicht dulden. Erst kam von ihr ein Gebot zu schweigen, daß nicht das Volk erregt werde. Dann eine Drohung an Perikles, zum dritten Male aber wurde er des Landes verwiesen.
Perikles wanderte betrübt durch Troja und schüttelte den Staub von seinen Füßen; er ließ sogar am Strande seine Fußfelle zurück.
»Sage der Hekuba: Das Geschick Trojas wird des Engels Botschaft nicht der Lüge überführen, sondern es werden sich die Worte erfüllen, so Ihr Euch nicht ändert: »Wenn Ihr dies Licht aber nicht erkennet, seid Ihr des Todes!«
Diese Worte trug er als letzte Botschaft einem der Seinen auf.
Und schwer senkte sich eine unheilkündende, trübe Wolke über Troja, während der einzige Mensch, in dem das Korn der Wahrheit aufblühte, das Land verließ. —
Die beengte Menschheit hörte nicht auf Kassandras Weisheitsrufe. Deshalb mußte der Sturz Trojas kommen mit dem ganzen so versagenden Geschlecht.
Wenn auch Maria ohne Erfolg bei den trägen Menschengeistern wieder von der Erde gehen mußte, blieb trotzdem das Licht zur Menschheitshilfe darauf noch verstärkt verankert, und der Gottessohn Jesus konnte in dem gleichen Strahle niedersteigen, um in Liebe das Wort Seines Vaters der törichten Menschheit als ein letztes Rettungsseil in höchster Not zu bieten. Bis dahin zog sich eine helle Linie der andauernden Lichthilfe durch alles Menschensein.
Als aber Jesus von der haßerfüllten Menge an das Kreuz geschlagen wurde, brach jede Verankerung des Lichtes auf der dunklen Erde ab, auch die, die Parzival und Irmingard dereinst begannen, die Maria als Kassandra neu erstarken ließ. Das Licht zog sich zurück und überließ die Erdenmenschheit, die es roh zurückgestoßen hatte, ihrem selbstgewollten Schicksal.
Erst das Wiederkommen Parzivals als Abd-ru-shin knüpfte von neuem eine Lichtbahn an, damit die Erde nicht verloren gehen muß in dem Gericht.
Es folgten ihm diesmal nach dem Heiligen Willen Gottes auch Maria, als Verkörperung der Gottesliebe, und nochmals Irmingard, die Reine Lilie, die ihre Treue dazu trieb. Sie fanden sich zur festgesetzten Stunde.
Und Parzival bahnte den Weg für das Herabsteigen Imanuels, des Menschensohnes zum Gericht und zu dem Aufbaue des Gottesreiches hier auf Erden. Imanuel nahm die jetzige Erdenhülle Parzivals gereinigt und durchglühet in Besitz und wird erfüllen, was verheißen ist seit langem.
Das Mysterium der dreigeteilten Sendung für die große Weltenwende ist in vielen Arten schon geschildert worden. Für Menschen am begreiflichsten und bildhaft auch am schönsten gibt es jedoch eine Niederschrift, welche durch die Hand einer in dem Gral Dienenden aus reingeistigen Höhen klar vermittelt werden konnte. Sie schildert ein Bild, wie es nur in reingeistigem Wollen zu erschauen möglich ist. Die Worte sind den tiefer in das Schöpfungs-. wissen Eingeweihten nur gegeben und sie lauten:
»Des Lichtes Liebe umgibt die Vollendung des Himmelstrigons mit herrlichen Strahlen.
Unaufhörlich flutet ein Heiliger Lichtstrom aus dem Herrn nieder zu den Erdgestiegenen, und es ist des Lichtes Himmelsglanz dreigeteilet und umziehet in dreifachem Strom des Trigons Vollendung in der Grobstofflichkeit.
Heiligste Kraft des Vaters fließet zu dem Sohne Imanuel in Ewiger Allmacht. Heiligste Liebe strömet aus Jesus zu Maria, der Liebe des Herrn. Der Urkönigin lichte Reinheit aber flutet zu der Lilie Lichtgestalt.
Das Heilige Ewigkeitsauge des Herrn aber strahlet darüber und blicket voll Liebe auf die nieder, die Seinem Herzen entstiegen und die Ihm doch ewig nahe geblieben, weil sie Licht Seines Lichtes, Ewigkeit Seiner Ewigkeit und Liebe aus Seiner Liebe sind.
Eines im Vater und vereinet dem Vater wirket Imanuel und ist doch auch eines für sich in derselben Wesenlosen Heiligkeit, in der Maria den Mantel löset von ihren Schultern und eingehet in Imanuel den Wesenlosen, Wesenlos wie Er selbst.
Und es schwinget die Lilie sich empor aus dem Garten Gottes und leget das schimmernde Haupt in die Heiligen Hände Imanuels, der sie hebet an Sein Herz. Er hat ihr geschenket letzter, höchster Liebe Geheimnis, in dessen Strahl sie einzugehen vermag in das Heiligste Urlicht des Herrn.«
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Wer aber ehrlich und in Demut nach dem Lichte sucht, in dessen Seele wird es heller dadurch werden und er wird erfassen können manches, was den Geistesträgen stets verborgen bleiben muß. Es wird ihm im Vereine mit der Gralsbotschaft alles Gezeigte und Gesagte eine große Hilfe sein! 
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Mary Wicht 

Empfangen aus dem Licht in der Zeit von 1996-2001


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